Wenn Depressionen zur Normalität werden oder der Hausarzt mit den Schultern zuckt

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Wenn Depressionen zur Normalität werden oder der Hausarzt mit den Schultern zuckt

Teil I

Unstreitig ist, dass Menschen verstärkt mit psychischen Problemen zu kämpfen haben – durch Isolation, Existenzängste, Mobbing, Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit, Insolvenzen. Schon vor Corona waren es rund fünf Millionen Bundesbürger, die an Depression erkrankt sind. Und diese Anzahl an Erkrankten hat durch die Pandemie um weit mehr als 30% nochmals zugenommen. Das Gesundheitssystem ist an seine Grenzen auch in diesem Bereich schon längstens angelangt. Denn die Betroffenen berichten häufig über enorme bürokratische Hürden und sehr lange Wartezeiten bis zu einem Ersttermin bei einem Psychologen oder Psychiater.

Um also die Patienten bis zu ihrem herbeigesehnten Termin nicht in der Luft hängen zu lassen, kommt den Hausärzten hier eine enorme Verantwortung gegenüber diesen Patienten zu. Wie es den Betroffenen jedoch bei ihrem Hausarzt tatsächlich mit der Diagnose Depression bzw. Burn out ergehen kann, schildern wir im folgenden Fall.

Der Fall

Ein Patient Ende Zwanzig leidet bereits seit einigen Jahren an einer Depression. Durch einige wesentliche Ereignisse in seinem Leben steht er plötzlich vor Problemen, die nicht so einfach zu lösen sind. Nur mit tatkräftiger Unterstützung seiner Familie gelingt es ihm, diese Probleme zumindest teilweise zu lösen. Er findet sogar einen neuen Job und ist am Anfang hochmotiviert. Jedoch stellt er nach eigenen Schilderungen sehr schnell fest, dass der neue Arbeitsplatz seitens seines Arbeitsgeber gar nicht auf Dauer ausgelegt ist. Zudem erkrankt er während der Probezeit mehrere Wochen an einem Infekt. Daraufhin erhält der jungen Mann die Kündigung, nur wenige Tage vor Weihnachten. Das würde auch gesunden Menschen psychische Probleme bereiten.

Aber Menschen mit Depressionen können solche äußeren Ereignisse noch viel weniger verarbeiten. Der junge Mann fällt in ein tiefes Loch und merkt schnell, so geht es nicht weiter und wendet sich an seinen Hausarzt, zudem er zuvor prinzipiell ein gutes Verhältnis gehabt hatte. Dieser ist jedoch in einer großen Gemeinschaftspraxis tageweise in einer weiteren Arztpraxis eingesetzt. So dass der junge Mann seine Krankschreibung zum Erhalt von Krankengeld von einer Kollegin seines Hausarztes erhält. Er bemüht sich während dessen bei den wenigen in seinem Wohnbezirk zugelassenen Psychologen um einen Ersttermin. Mehr als auf eine Warteliste mit der Aussicht eines Termins in mehr als 6 Monaten kann er nichts erreichen.

Im Feburar diesen Jahres geht er zur Erneuerung der Krankschreibung erneut in die Hausarztpraxis und erfährt zu seinem Entsetzen, dass er nicht mehr von der bis jetzt als Ersatz zuständigen Ärztin betreut wird und sie ihm keine Krankschreibung mehr ausstellen möchte. Er macht einen Termin bei dem für ihn zustehenden Arzt in der Gemeinschaftspraxis aus und schildert ihm gegenüber erneut seinen Fall. Dieser stellt nochmals ein Attest für die Krankenkasse aus, mit dem Hinweis, danach könne er wegen seiner psychischen Erkrankung, da er ja kein Facharzt sei,  keine weitere Krankmeldung für den Patienten mehr vornehmen.

Zwischenzeitlich fand der junge Mann zudem heraus, dass ein eklatanter Fehler in der Hausarztpraxis bei der Krankschreibung passiert war. Da anstatt die neue Diagnose auf der Krankschreibung zu vermerken, eine ganz andere Diagnose einer zurückliegenden Erkrankung weiterhin vermerkt worden war. Dies führte schließlich zu einer telefonischen Nachfrage der örtlich zuständigen Krankenkasse, was es denn damit auf sich hätte. Genau zeitgleich damit erhielt er die besagte Aussage seines Arztes, dass er nach dem 01.03.21 sich diesbezüglich dann an die Psychiatrie im örtlichen Krankenhaus zur weiteren Behandlung der Depression wenden solle. Diese würden Depression symptome erkennen und analysieren.

Eine für den Patienten nicht nachvollziehbare Reaktion. War doch die Hausarztpraxis für diesen “Fehler” verantwortlich und hatte damit erst den “Ärger” mit der Krankenkasse durch die falsche Diagnosestellung auf den Krankschreibungen selbst heraufbeschworen.

Und für ihn ist die Weigerung, ihn weiterhin wegen Depression zu behandeln und krankzuschreiben durch die Gemeinschaftspraxis in einem Zusammenhang mit der Nachfrage der AOK Geschäftsstelle zu werten.Ob tatsächlich womöglich durch die AOK Druck ausgeübt wurde steht jedenfalls mangels einer anderen Erklärung seines Hausarztes diesbezüglich im Raum. Da er durch einen Vertrag auch nicht den Hausarzt so einfach wechseln kann, ist seine Gesamtsituation durch die Art und Weise, wie hier diese Hausarztpraxis mit ihm bis jetzt verfahren ist mehr als schwierig. Aufgrund dieses Vorfalls wandte der Betroffene sich an uns mit der Bitte um weitere Recherchen und Aufklärung der tatsächlichen Hintergründe seines Falles.

Wir haben uns mit einer Kurzschilderung des vorliegenden Falles am 23.02.21 an die Pressestelle der AOK Hessen gewandt. Der Pressesprecher der AOK Hessen, Herr Riyad Salhi  (Bereich Unternehmenspolitik/ -kommunikation) hat sich zu unseren Fragen geäußert:

GiG: Ist es in einem solchen Fall üblich, dass Krankenkassenmitarbeiter ohne vorherige Information an den betroffenen Patienten selbst Hausärzte kontaktieren können, um offene Fragen bezüglich der Diagnosestellung an die behandelnden Ärzte zu stellen?

AOK Hessen: Es ist uns grundsätzlich rechtlich gestattet, bezogen auf solche und ähnliche Sachverhalte in Praxen nachzufragen, um Einzelheiten zu klären, die z. B. für die Fortführung eines Krankengeldbezuges notwendig sind. Tatsächlich hat uns Herr D. sogar das Einverständnis hierzu schriftlich erteilt. Dies erfolgt routinemäßig vor Beginn des Krankengeld-Bezuges.

GiG: Wie verhält es sich dann bei einer solchen Nachfrage durch die AOK in der Arztpraxis mit der Einhaltung des Sozialdatenschutzes seitens des Krankenkassenmitarbeiters/in und der AOK Geschäftsstelle gegenüber dem Versicherten?

AOK Hessen: Die zugrunde liegenden Diagnosen müssen wir ja kennen, um Krankengeld korrekt auszubezahlen. Es ist somit rechtlich absolut einwandfrei, wenn eine Krankenkasse sich in ein einer solchen Frage an die Praxis wendet. Insofern wird der Sozialdatenschutz von niemandem verletzt.

GiG: Wie lange dürfen grundsätzlich Hausärzte Patienten mit einem psychologischen Befund wie z.B. Depression oder Burnout betreuen und krankschreiben?

AOK Hessen: Das liegt im Ermessen des Arztes oder der Ärztin und ist grundsätzlich auch für Monate oder Jahre möglich, wenn es dafür einen medizinischen Grund gibt. Die Krankenkasse kann und darf hierauf keinen Einfluss nehmen.

IGiG: Ist eine Weigerung einer Weiterbehandlung der betreffenden Hausarztpraxis aufgrund der Auswirkungen der Pandemie und keiner freien Terminen bei Psychologen überhaupt rechtlich zulässig?

AOK Hessen: Hat der Arzt, obwohl eine Behandlung in der Praxis notwendig ist (aus seiner Sicht), eine solche abgelehnt und die Pandemie als Grund angegeben? Ihre Formulierung legt dies nahe. Wir empfehlen, sich in diesem Punkt an die KV Hessen oder sogar die Landesärztekammer zu wenden, die hierauf eine Antwort geben könnten.

GiG: Haben nicht auch Krankenkassen eine Verpflichtung gegenüber ihren Versicherten, die aufgrund mangelnder Termine beim Psychologen durch die Weigerung der Arztpraxis, den Patienten diesbezüglich weiter zu betreuen und sich der Patient damit selbst seiner Erkrankung überlassen bleibt, ihm nicht doch aktive Hilfestellung bei der Suche nach einem Psychologen gerade bei so sensiblen Erkrankungen wie Burnout oder Depression zu leisten?

AOK Hessen: Krankenkassen ist es rechtlich nicht gestattet, konkrete Therapeutinnen oder Therapeuten zu empfehlen oder bei der Vermittlung aktiv zu helfen. Was wir hingegen tun können: Ein Orientierungsgespräch terminieren, wenn unklar ist, welche Therapieform tatsächlich geeignet ist. Allerdings kann der Beginn der eigentlichen Therapie Monate später liegen. Wir empfehlen, sich an die KV Hessen zu wenden, speziell an deren Terminvergabestelle. Unabhängig davon stellen wir Listen mit Therapeutinnen und Therapeuten in einem näheren Umkreis zum Wohnort samt Kontaktdaten zur Verfügung.

GiG: Warum wurde im konkret geschilderten Fall bei der AOK bis heute aufgrund der Nachfrage des Versicherten aber keine aktive Unterstützung angeboten?

AOK Hessen: Krankenkassen dürfen Patientinnen und Patienten nicht dabei unterstützen, eine geeignete therapeutische Praxis zu finden, indem wir zum Beispiel diese abtelefonieren oder anschreiben. Auch dürfen wir uns nicht in die Terminvergabe einmischen. Eines ist aber sicher richtig: Die Wartezeiten sind mitunter – auch unabhängig von der Pandemie – recht lang, das können im Einzelfall sogar ein paar Monate sein.

GiG: Warum hat im konkreten Fall die AOK Erbach nie auf die Nachfragen des betroffenen Patienten bezüglich der Vermittlung eines Notfalltermins beim Psychologen reagiert?

AOK Hessen: Wir haben unserem Kunden am 22. Februar (Di) schriftlich auf seinen Brief vom 10. Februar geantwortet, der bei uns am 16. Februar ankam, insofern haben wir am Tag vor Ihrer Anfrage den Brief versandt. Vermutlich wird dieser bei ihm am heutigen Tage (Mi) angekommen sein.

GiG: Welche Möglichkeiten oder Anlaufstellen bleiben dem besagten Betroffenen, nachdem weder die Kassenärztliche Gemeinschaft noch seine Hausarztpraxis noch die Krankenkasse ihm hier aktive Unterstützung anbieten noch, wenn sämtliche Psychologen Behandlungstermine erst im Herbst 2021 für neue Patienten anbieten?

AOK Hessen: Leider gibt es aus unserer Sicht keine Lösung, die einen früheren Termin garantieren könnte.

Mit diesen vorläufigen Erkenntnissen aus den Antworten der AOK Hessen werden wir die Hausarztpraxis des Betroffenen anschreiben, mit der Bitte um Stellungnahme.

Wir bleiben an diesem Fall dran und werden bei neuen Erkenntnissen weiter darüber berichten.

Anke

Anke

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